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Kurzer Weg nach oben

Die Wand, die Sebastian Kurz an diesem Tag gleich mehrmals bezwingen will, ist 16 Meter hoch. Doch statt dafür in die Bergwelt zu fahren, hat der Neo-Staatssekretär für Integration eine Kletterhalle im 22. Wiener Gemeindebezirk gewählt. Denn die rare Freizeit, an der er NEWS an diesem Tag teilhaben lässt, teilt sich der jüngste Bundespolitiker in Österreichs Geschichte - am 27. August wird er 25 Jahre alt - gut ein: Die 18-Stunden-Arbeitstage lassen kaum Möglichkeiten für Privates, die Wege müssen kurz, die Termine straff organisiert sein. Offenbar kein erstrebenswerter Dauerzustand. Und so überrascht Kurz im NEWS-Interview mit seinem Plan, dass er nach nur vier Monaten im Amt schon ans Karriere-Ende in der Politik nachdenkt. Er sieht seine berufliche Zukunft "definitiv nicht in der Politik“, sondern in der Privatwirtschaft. Und das, obwohl er nach einem holprigen Start seit Beginn des Sommers zum neuen Politstar hochgejubelt wird (siehe Kasten rechts). Der Trip in den Klettergarten kommt da gerade recht. Kurz: "Das Schöne am Klettern ist, dass man hier den Kopf ganz frei hat.“ Schon legt er die Ausrüstung an, um aufzusteigen …

News: Wie groß ist Ihr Ehrgeiz, schnell nach oben zu kommen?

Sebastian Kurz: Das wird zu schaffen sein. Zum Klettern bin ich allerdings in letzter Zeit nicht oft gekommen.

Keine Zeit für Privates, weil Sie um 8 Uhr aufstehen und bis spät in den Abend arbeiten?

Ich stehe um 5 Uhr auf und komme meistens zwischen 23 Uhr und 1 Uhr früh heim. Dass der Arbeitstag dann auch so spät endet, das gehört jetzt zum Leben dazu.

Sie werden demnächst 25 Jahre alt. Würden Sie diese anstrengenden Tage und das Tempo in der Politik auch durchstehen, wenn Sie schon 45 Jahre alt wären?

Wenn ich eine Tätigkeit habe, die mir Spaß macht wie jetzt, schon. Aber das wird dann bei mir definitiv nicht mehr in der Politik sein.

Warum denn das?

Ich habe immer vorgehabt, mich einen gewissen Lebensabschnitt lang politisch zu engagieren. Der ist jetzt früher gekommen als erwartet. Aber es gibt noch viele Dinge, die mich reizen und die ich tun will. Ich wollte schon immer etwas Privatwirtschaftliches machen.

Was heißt das konkret?

Mich reizen vertriebsorientierte Unternehmen, die etwas verkaufen oder vielleicht sogar herstellen.

Können Sie sich auch vorstellen, ins Ausland zu gehen?

Ja, natürlich, auch das Ausland ist denkbar.

Durch den Mega-Arbeitseinsatz gab es auch schon die Gerüchte, dass Ihre Freundin weg ist. Stimmst das?

Das ist erfunden. Ich habe meine Freundin.

Ist Heiraten für Sie eine Lebensform, die Sie sich vorstellen können, oder ist das überholt?

Das ist ganz sicher nicht überholt, ich will ja auch definitiv einmal Kinder haben.

Und dazu sollte man Ihrer Meinung nach also verheiratet sein?

Ja genau. Ich will einmal heiraten und mehrere Kinder.

Und bei den Kindern, können Sie sich da vorstellen, einen Vätermonat in Anspruch zu nehmen oder in Karenz zu gehen?

Im Moment wäre das aber ganz sicher nicht möglich bei mir. Das kommt schon darauf an, welchen Job die Frau oder der Mann gerade hat, aber das würde ich keinesfalls ausschließen.

Wenn man Sie reden hört, dann erinnern Sie vom Sprachduktus her ganz enorm an Karl-Heinz Grasser. Stört Sie das, wenn Sie mit ihm verglichen werden?

Ich muss das wohl so hinnehmen. Mir selbst ist diese Ähnlichkeit nicht aufgefallen, aber ich bin natürlich schon darauf angesprochen worden.

Bundespräsident Fischer sagt, Politiker müssen saubere Hände haben. Was war die größte Versuchung, das größte unmoralische Angebot, das Ihnen in der Politik bisher gemacht wurde?

Also, unmoralische Angebote in dem Sinn gab es noch nicht. Aber als größte Versuchung, der sich in der Politik leider viele hingeben und was ich vermeiden will: dass man eine zu stark umfragenorientierte Politik macht. Aber Politik ist kein Beliebtheits-Wettbewerb. Man muss sich auch Themen stellen, bei denen es nichts zu gewinnen gibt. Dazu sind viele Politiker zu feig und zu vorsichtig.

Aber Sie sind doch auch in Ihrer Wortwahl vorsichtig.

Ja, denn eine brutale Sprache will ich nicht. Aber ich glaube, dass man sich mit unpopulären Dingen auseinandersetzen muss. Allein die Entscheidung, dass ich mich dem Integrationsbereich widme, zeigt, dass ich einen eigenständigen Weg gehen will.

Apropos brutal: Erst kürzlich haben Sie festgestellt, dass die FPÖ unter Strache brutaler wurde. Möchten Sie in einer Regierung mit der FPÖ sein, oder wäre das dann ein Grund, gleich zu gehen, wenn es nach der nächsten Wahl zu einer Koalition der ÖVP mit der FPÖ kommt?

Das ist die Frage, ob ich dann noch dabei bin. Also plane ich mein Leben auch nicht langfristig.

Es wäre also nach der Wahl kein riesiges Loch, in das Sie fallen würden, wenn Sie schon dann aus der Politik ausscheiden?

Nein. Denn ein politisch interessierter Mensch werde ich ja immer bleiben, und es gibt wie gesagt noch viel, das mich beruflich reizt.

Wenn die FPÖ bei der nächsten Wahl vor der Volkspartei liegt, sind Sie dann gescheitert? Denn dann haben ja die brutale Wortwahl und der Politikstil von Strache gewirkt?

Eigentlich schon. Aber es wird ja bei der Wahl auch nicht nur um das Thema Integration gehen. Wichtig ist jedenfalls: Wenn die FPÖ gut abschneidet, dann sollte man nicht den Fehler machen, die FPÖ kopieren zu wollen. Ich werde das jedenfalls nie machen.


Quelle:

News - Iris Brüggler, 11.8.2011